1. DER WÜSTENJUNGEDie Sonnenstrahlen küssten den Boden auf der kleinen, von der Mittagssonne, halb verbrannten Rasenfläche im Park von Nantra.
Nantra war die letzte Bastion längst vergangener Tage und der einzige zivilisierte Ort, inmitten der totbringenden Wüste Ceron. Gegründet von den Vorfahren der Shivari, den Wüstennomaden, stellte Nantra einen wichtigen Umschlagsplatz für die Waren jenseits des großen Sandes dar.
Doch dies war für den Jungen, der dort im Schatten eines Hauses Schutz vor der Hitze suchte, unwichtig, denn schließlich hatte er Hunger und es war die ideale Tageszeit, für einen Taschendieb wie ihn, um auf Beutezug zu gehen.
Denn genau jetzt wagten sich auch die reichen Aristokraten aus ihren Häusern, um auf dem Markt von Nantra ihr „hart erarbeitetes“ Geld für sinnlose Banalitäten aus dem Fenster zu werfen. Tajur hasste diese arroganten Angeber, die ihr Geld nur aufgrund eines Namens oder ihrer Vorfahren besaßen. Deshalb erleichterte er sie gerne um ein paar Taler. Dann würden sie wenigstens einmal für etwas Sinnvolles eingesetzt werden, nämlich gegen seinen riesigen Hunger. Hier im Beamtenviertel Nantras bedeutete es ein Leichtes unachtsame Passanten zu bestehlen. Man musste nur auf die Stadtwachen aufpassen. Doch für Tajur der schon seit dem er denken konnte auf der Straße lebte, war auch dies kein Problem, besonders da sich die Wachen in letzter Zeit sehr stark reduziert hatten und in die Regionen der Stadtmauer versetzt wurden. Dies hing wohl mit der annähernden Bedrohung zusammen, von der alle Leute tuschelten. Aber was sollte es den jungen Tajur mit den strubbligen dunkelbraunen Haaren interessieren, schließlich war er nur ein einfacher Taschendieb der versuchte über die Runden zu kommen.
Da erspähte er auch schon sein erstes Opfer. Ein korpulenter, älterer Herr, dessen Dekadenz Tajur schon zehn Meilen gegen den Wind roch. Ideal zum bestehlen, dachte er und war höchst entschlossen. Er holte kurz tief Luft dann ging der braungebrannte Jüngling direkt auf den Mann zu - ein kurzer Rempler und dann untertauchen in der Menschenmasse. Wiedermal ein gelungener Schachzug des siebzehnjährigen Straßenjungen. Seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit waren berühmt unter den Taschendieben Nantras, deshalb hatte er auch immer volle Auftragsbücher für Hehler und anderes Gesindel. Er blickte kurz in seine Hand um seine Beute zu begutachten: „Naja für ´ne gute Suppe wird es schon reichen.“ flüsterte er leicht enttäuscht. Sein Blick wanderte kurz zurück zu dem dicken Mann, um zu urteilten, dass der voluminöse Herr sein Gold vorzugsweise dazu benutze, sich den Wanst zu füllen, was er an diesem Tag wohl schon getan hatte.
Essen. Genau das war Tajurs Stichwort, der sich mit der flachen Hand über die karamellbraune Haut seines, vor Hunger zitternden, Bauches fuhr. Nichts wie weg aus dem Silberlöffel ,wie es in Diebeskreisen genannt wurde und zurück in die vertrauten Straßenzüge der Bettlerstadt. So änderte sich wenige Gassen weiter das städtische Landschaftsbild rapide. Alt ehrwürdige Tempelbauten und Hausfassaden wechselten mit heruntergekommenen, engen, dunklen, gepflasterten Straßen. Ein Haus präsentierte sich renovierungswürdiger als das andere.
Tajur schien nun in den schlüpfrigen Gebieten Nantras gelandet. Doch hier fühlte er sich eindeutig wohler. Hier wo die Menschen zwar nicht vor Reichtum platzten, jedoch menschlicher waren, als es ein Aristokrat je sein konnte.
„Tajur! Da ist ja mein Goldjunge! Na was hast du denn diesmal für den guten alten Jakobi?“ grölte eine rauchige Stimme aus einer Seitenstraße.
Es war Jakobi, Tajurs Hehler und bester Auftraggeber, der sich in einer abgehalfterten Kneipe als Wirt tarnte. Ein reiferer Herr, etwa um die fünfzig, jedoch sah er durch sein kantiges Gesicht, durch welches sich tiefe Falten zogen schon wesentlich älter aus.
Er war gezeichnet, von seinem harten Leben auf der Straße.
„Diesmal nicht viel, Jak…“ erwiderte Tajur enttäuscht. „Nur ein paar Goldtaler, aber ich hoffe, dass du mir damit ´ne Suppe besorgen kannst.“
„Was nur ein paar Taler, na nun aber keine falsche Bescheidenheit mein Junge. Das sind mindestens einhundert savanitische Merez! Dafür bekommst du von mir meine Spezial Tagessuppe. Mensch selbst an schlechten Tagen bist du immer noch mein bestes Pferd im Stall Bürschchen! Na dann komm mal mit in die gute Stube!“ schnaubte er lachend und klopfte Tajur auf die Schulter, danach gingen beiden in ein relativ bescheidenes Lokal in mitten der Ruinen des Viertels. Der Goldkrug war über die Grenzen des Viertels hinaus bekannt, aber nicht wirklich als Wohlfühletablissement, sondern eher als Auffangbecken für Straßengesindel und Gesetzlose.
Jakobi strich Tajur mit seiner großen groben Hand über den Kopf, doch der Junge hasste es, wenn er von diesem wie ein Tier behandelt wurde und wich der Hand gekonnt aus, wobei er die Luft wütend durch seine Nasenlöcher presste.
„Schon gut Junge. Ich sehe du hast heute nicht so gute Laune…“ bemerkte der Wirt und servierte ihm eine recht appetitlich aussehende Kohlsuppe, oder was es auch immer sein sollte, aber das interessierte Tajur auch nicht weiter. Er hatte Hunger und begann sogleich seine flüssige Beute herunter zu schlingen. „Weißt du Jak…“ schlürfte der Junge, nun sichtlich entspannter, dem Schankwirt entgegen: „ Früher war wenigstens noch ein Reiz dabei die Leute zu bestehlen, schließlich waren überall Wachen, aber jetzt wo kaum noch jemand da ist, hat das alles seinen Glanz verloren.“
„Sei doch froh, die Geschäfte laufen trotzdem schlechter, weil die reichen Säcke auch immer geiziger werden und nur noch das Nötigste kaufen oder aber vom Stadtrat ausgelutscht werden, um die Kriegskosten aufzubringen.“ erwiderte Jakobi leicht betrübt. „Ich weiß zwar nicht warum, aber ich habe da so ein ganz mieses Gefühl, mein Junge. Ich glaube Nantra steht kurz vor einer Katastrophe…“ Der alte Mann wurde nachdenklich und seine Augen verschwanden unter der großen Falte die sich auf seine Stirn legte.
„Wem sagst du das meine Träume werden auch immer verrückter...“ durchbrach Tajur den Moment der Stille und flüsterte merklich verängstigt: „Ich sehe jedes Mal unsere Stadt brennen und so eine leuchtende Gestalt doch ich kann sie nie erkennen? Einfach merkwürdig diese Träume kommen immer wieder und es ist immer das Gleiche“.
„Hmm… sei auf jeden Fall vorsichtig Tajur, weil an Träumen immer etwas Wahres dran ist.” Konstatierte der Alte und hob Tajur den Finger an die Nase: „und du solltest auch aufpassen wohin du gehst! Sie haben Tobi geschnappt und eingezogen zur Stadtverteidigung. Nicht das sie dich auch noch zu so einem Selbstmordkommando schicken. Ich würde dich nur ungern verlieren…!“ Doch Tajur hörte dem alten Hehler gar nicht mehr richtig zu. Sie hatten seinen besten Freund Tobi geschnappt, das konnte nur bedeuten, dass der Krieg kurz bevor stand und somit jeder kampffähige Mann, den sie fanden, eingezogen wurde. Das erfreute Tajur überhaupt nicht, schließlich sollte er für eine Stadt kämpfen, die ihm nichts als Probleme seit seiner Geburt bereitete.
Er war ein Findling gewesen, den eine mitleidvolle Wäscherin zu sich nahm, die selber keine Kinder bekommen konnte. Sie und ihr Mann lebten am Rand der Existenz in einem halb verfallenen alten Gerberschuppen, dessen widerlicher Gestank Tajur heute noch in die Nase stieg, wenn er sich daran erinnerte. Sobald der Junge laufen und sich herausreden konnte begann er zu stehlen und verdiente damit in kurzer Zeit weit mehr als seine Mutter in einem ganzen Monat. Als jedoch die Cholera seine liebevollen Pflegeeltern bald darauf dahinsiechen ließ, war Tajur gezwungen ein neues zu Hause in den Straßen der Wüstenstadt zu finden. So lernte er Jakobi kennen, der ihn seitdem mehr oder weniger väterlich umsorgte, jedoch bevorzugte Tajur es dennoch sich nicht allzu sehr an ihn zu binden, denn Zeit seines bisherigen Lebens waren Tod und Armut seine Begleiter gewesen.
Wie stichwörtlich benannt traten zwei Männer in Gewändern der Stadtwache durch die hölzerne Tür der Gaststube. Tajur ärgerte sich, denn sonst bemerkte er diese Leute bevor sie überhaupt wussten, dass er existiert, doch diesmal hatte der große Hunger seine Sinne getrübt. Ihre Uniform war ziemlich protzig, aber das passte zu diesen überbezahlten Beamten. Blaue seidene Gewänder, mit einem Mantel und dazu feinste Lederstiefel. Ja die Stadt hatte sich schon etwas geleistet für ihre unbestechlichen Gesetzeshüter. Das weiße Kreuz, das Symbol der kreuzenden Handelsstraßen aus dem Norden und dem Westen, auf der Brust der Kettenrüstung, war die Krönung des Gesamteindruckes. Manche versuchten diesen noch durch irgendwelche nichtssagenden Orden oder Ehrungen zu perfektionieren, doch alles in allem konnte nichts ihre Absichten verbergen. Kurz gesagt, allein die Uniform eines jeden Wachmannes war die perfekte Verschwendung von Steuergeldern und das einzige Interesse der Gendarmen lag darin ihren eigenen Wohlstand auf Kosten der Bürger zu vergrößern. Tajur störte sich jedoch nicht groß daran, denn er zahlte ohnehin weder Steuern, noch leistete er etwaige Abgaben an die Stadtadministration.
Die Wachen bewegten sich langsam, mit strengen prüfenden Blicken direkt auf Jakobi zu. Tajur versuchte sich indessen von ihnen abzuwenden und sich hinter seinem Mantel zu verbergen.
„Seid gegrüßt werte Schützer unserer heiligen Stadt. Was führt zwei edle Wachmänner wie euch in dieses bescheidene Lokal?“ heuchelte Jakobi ihnen entgegen. In all den Jahren, die er nun schon Besitzer des Goldkruges war, war auch er bekannt wie ein bunter Hund worden und wusste genau wie er mit dem Gesetzt umgehen bzw. sprechen musste. Manchmal auch mit der Hilfe einiger kleiner Druckmittelchen unter der Tischkante. „Bescheiden! Ja, das ist wohl das richtige Wort für eure Kaschemme Jakobi, aber was führt uns wohl an diesen gottverdammten Ort? Der Krieg natürlich, mein alter Freund. Wir suchen kampffähige Männer, die unsere heiligen Mauern gegen den anrückenden Feind mit ihrem Leben verteidigen. Nun ja und euer Lokal ist nun mal bekannt dafür viele, wie soll ich es sagen, „geeignete“ junge Männer zu beherbergen.” Er machte eine aufwartende Handbewegung und fuhr fort: „Da in Zeiten des Krieges die Herkunft eines jeden egal ist, stehen wir nun hier vor euch.“ Der erste Wachmann pausierte und versuchte in Jakobis Gesicht zu lesen, als dieser ausdruckslos verharrte, tat der zweite einen Schritt auf den Wirt zu und fügte mit einem verschmitzten Grinsen und einem doch ernsthaften Unterton hinzu:
„Also sagt euren Jungs sie sollen sich lieber freiwillig melden, bevor wir sie finden und Zwangsrekrutieren, denn so haben sie noch die Wahl. Wir wollen doch nicht, dass sie an die äußerste Mauer müssen, wo sie die geballte Angriffskraft des Imperiums trifft.“
„Nun gut damit kann ich euch zurzeit leider nicht dienen, aber wenn ich einen solchen Burschen finde, werde ich euch natürlich sofort davon unterrichten, edle Herren.“ Das aufgesetzte, künstliche Lächeln war selbst für Jakobi ungewöhnlich unglaubwürdig. „Wie auch immer alter Mann, sieh dies als Warnung. Du solltest uns nicht versuchen hinters Licht zu führen. Die Konsequenzen könnten nicht gut für dein…Geschäft sein!“ drohte der Zweite nun merklich ernsthafter.
„Natürlich, natürlich so etwas würde ich mir nie anmaßen unsere ehrenvolle Stadtwache so zu betrügen. Das wäre ja…“ Doch die Wache gab ihm ein Handzeichen zu schweigen, denn dieser in seinem Mantel eingehüllte, Suppe schlürfende, angebliche Krüppel schien doch recht beweglich zu sein, für einen körperlich Eingeschränkten: „Hey du! Wie heißt du und was ist dein Handwerk?“ doch Tajur versuchte ihn zu ignorieren und konzentrierte sich wieder mehr darauf den Behinderten zu mimen. „Hast du nicht gehört Junge, der Mann hat dir eine Frage gestellt, also antworte gefälligst, du Abschaum!“ fragte der zweite Wachmann und stand wutentbrannt auf.
„Wenn ich solch ein Abschaum bin, warum fragt ihr mich dann solche Sachen mein Herr? Ich bin ein vom Schicksal gebeutelter Waise. Seit meiner Geburt kann ich meine Hände nicht richtig bewegen und habe einen Haltungsfehler, also lasst mich geschundene Seele doch bitte in Frieden mein wohlverdientes Mahl zu mir nehmen, edler Herr!“
„Ich sollte dich!“ holte der Wachmann zum Schlag aus doch plötzlich wurde seine wilde Handbewegung unterbrochen. „Schon gut lass ihn in Ruhe Bartholomäus, du siehst doch das er ein Krüppel ist.” Sprach der erste Wachmann beruhigend, die Stimme plötzlich aufflammend: „Doch wie es scheint ein recht geschickter, oder woher kommt sonst dieser Geldbeutel mit dem Emblem des Bürgermeisters auf diesen Tisch?“ setzte er zynisch und vollkommen überlegen hinzu, wobei er den Kopf in arroganter Pose erhob wie ein majestätischer Richter.
Tajur durchfuhr ein kalter Blitz und er schreckte zusammen, doch versuchte sich dies nicht anmerken zu lassen. Konnte es denn möglich sein, dass der rosige dicke Mann vom Markt wirklich der Bürgermeister Nantras gewesen war? Schließlich interessierte sich Tajur nicht für die Politik und erstrecht nicht für die Politiker und deren großen Reden um nichts. Was den Jungen aber am meisten ärgerte war, dass er solch einen Anfängerfehler begangen und seine Beute auf dem Tisch liegen gelassen hatte.
Jakobi schaute gespannt und konzentriert auf Tajur, in Erwartung seiner Reaktion, doch dieser aß besonnen weiter schaute kurz auf, um dann den Mund zu öffnen und erklärend die Silben formend sagte: „Seht ihr, edler Herr. Es ist so…“ während er diese Worte aussprach schmetterte er plötzlich dem ersten Wachmann die Suppe direkt ins Gesicht, schubste ihn dem anderen in die Arme, sprang auf und rannte wie der Blitz aus der Taverne.
„Verdammt noch mal lass ihn nicht entkommen, Bartholomäus!“ schrie der Erste Wachmann, das Gesicht im Schmerz grässlich entstellt, den Zweiten an und beide spurteten dem geschickten Dieb hinterher. In der Ferne hörte Tajur noch wie Jakobi so etwas wie “lauf Junge“ schrie, doch das war nebensächlich. Er musste jetzt so schnell wie möglich die dunklen, verworrenen Gassen des Elendsviertels erreichen, um seine Verfolger abzuhängen. Die zwei Wachmänner setzten die Verfolgung noch eine Weile fort, jedoch machte sich bei den Beiden schon bald, der vom Bier und Wein geformte Körper, bemerkbar und sie waren gezwungen aufzugeben. Tajur, der dies nicht bemerkte, eilte und stürmte unaufhörlich die Winkelgassen des Viertels hindurch. In einer kleinen Seitenstraße kam er schließlich zur Ruhe. Hinter der Mauer, an die er sich keuchend lehnte befand es sich. Das Diebesversteck der Straßenkinder Nantras. Tajur schaute sich um, dass ihn auch ja niemand beobachtet und drückte dann den zerkratzten Backstein in der unteren Reihe nach innen, wodurch sich eine kleine Falltür öffnete. Vor Jahren war dieses Gebäude eine Metzgerei und die Falltür für den Abfall gedacht. Doch als diese, wahrscheinlich auf Grund der flächendeckenden Erkrankung ihrer Kundschaft geschlossen wurde übernahmen die Straßenkinder sie als geheimen Unterschlupf, der sich bisher als Versteck auch bestens bewährt hatte. Bei den Straßendieben hieß es nur die „Höhle“. Nicht einmal Jakobi wusste von der Existenz dieses Ortes. Hier war man unter Seinesgleichen. Hier wurde man akzeptiert wie man war. Hier wussten alle wie es sich anfühlte, nichts zu haben - nicht einmal eine Familie.
Im Versteck angekommen war Tajur sehr verwundert, denn schließlich waren um diese Zeit mindestens die Wachposten und Späher zu sehen, welche vorsichtshalber eingeteilt wurden, um im Ernstfall rechtzeitig gewarnt zu sein. Er schaute sich einige Male um, doch niemand war zu sehen, was nur eins bedeuten konnte: Jemand musste das Versteck verraten haben. Ein schwerer Bruch des Ehrenkodex´ der Diebe, aber in Zeiten wie diesen, wo jeder sich selbst der Nächste war, war es durchaus möglich, dass irgendjemanden die falschen Wörter über die Lippen gekommen waren. Im Augenblick schien der Junge jedenfalls hier sicher aufgehoben, wenn auch nicht lange, denn vermutlich würde, wer auch immer dafür verantwortlich war, bald wiederkommen.
Ein Gefühl des Schauderns ergriff Tajur, doch er befreite sich rasch davon und ging zu seinem Schlafplatz, der aus einer Wolldecke und einem alten vergilbten Kissen bestand und legte sich nieder. Tajur würde es schon merken, wenn jemand noch einmal wagen sollte sich unbefugt Zugang zu verschaffen, denn schließlich funktionierten seine Sinne noch bestens. Erschöpft und ermüdet fielen ihm bald darauf die Augen zu.
Auf einmal fing es an zu donnern und zu krachen und Tajur schreckte auf. Es klang als sei der Himmel aufgebrochen und die Götter ließen ihren Zorn auf die Erde nieder. Es waren die Salven schwerer Kriegsartillerie, deren Geschosse rund um ihn einschlugen. Panisch blickte er um sich und alles brannte, überall stieg Rauch auf und Tajur war mittendrin in diesem Chaos. Schreie! Verzweifelte Bürger und Soldaten liefen an ihm vorbei, mit dem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit in den leeren Augen. Gebäude stürzten ein und es erschallte das rhythmische Trampeln von mindestens eintausend Soldaten, die sich marschierend näherten. Er begriff, er war nicht mehr in der „Höhle“, sondern im Zentrum auf dem Marktplatz. Plötzlich verdunkelte sich alles vor ihm, doch inmitten dieser Dunkelheit sah er sie wieder: Diese glänzende, blau schimmernde Rüstung die aus einem Material war, was nur die Götter selbst schmieden könnten. Jedoch erkannte er lediglich dieses Symbol, ein schwarzer Drache und ein weißer Phönix vereinten einander in einem Kreis und darüber ein Schriftzug in einer Sprache, die er zuvor noch nie gesehen hatte und doch schien sie ihm vertraut. Diese Rüstung wirkte sehr mystisch und majestätisch auf den Jungen.
Ein Sperr, der wie aus dem Nichts genau auf ihn zugeflogen kam trennte seine Faszination von der göttlich anmutenden Rüstung, wie eine Amme das Kind nach der Geburt von der Mutter trennt und genau in jenem Augenblick, als dieser Tajurs Körper zu durchbohren drohte, öffnete dieser schweißgebadet die Augen:
“Puh, es war wieder dieser seltsame Traum. Jaks Kohlsuppe scheint mir nicht zu bekommen.“ sprach er zu sich selbst und wischte sich mit den Händen über sein Gesicht, den Schweiß zu entfernen. Mittlerweile hatte sich die Sonne zurückgezogen und noch immer war niemand im Versteck außer ihm. Tajur beschloss aufgrund dieser Tatsache die anderen zu suchen. Sie konnten sich schließlich nicht einfach in Luft aufgelöst haben.
Unbekümmert, wie ein naives Kind und doch angespannt durch die Bilder seines Traumes verließ er das Versteck und verschwand in den Schatten schummrigen Lichtes, unwissend was ihn erwartete.
Auf dem majestätischen schwarzen Reittier trappte er durch die Reihen seiner Truppen, alle blickten voller Ehrfurcht zu ihm auf, General Feldmarschall Damarius, welch eine imposante Gestalt. Er war es, der vor vielen Jahren das Imperium um so viele Ländereien reicher machte, mit seinen damarischen Feldzügen ging er in die Kriegsgeschichte Karthesiens ein, seine Männer folgten ihm blind bis in den Tod und niemand vermochte es dem General Feldmarschall zu wiedersprechen. Selbst der Imperator hatte größten Respekt vor seinem höchsten Kriegsdiener. Damarius, schon zu Lebzeiten eine Legende, für seine Feinde war er der Todesengel von Kartharma, für seine Freunde, oder besser Verehrer, denn an Freunden herrschte ihm ein großer Mangel, der Erlöser oder sogar der Kriegsgott. Jede Reihe die er passierte ging in Kampfposition und erwartete seinen Befehl. Dann war er endlich an vorderster Front. Dort wo er immer zu kämpfen pflegte, was ihm wiederrum großen Respekt bei seinen Soldaten einbrachte. Die Luft wirkte elektrisiert vor mordlüsterner Spannung und die Augen der Männer sahen entschlossen aus: bereit zu töten, aber auch zu sterben.
Jedoch war es mit diesem Anführer auch keine große Überraschung.
Der Kettenhund der Niederwelt, der Dämon und der größte Feldherr Evolons zog nun sein Schwert, schaute erhobenen Blickes über die Truppen und sprach mit einer Stimme, dass selbst die eigenen Männer zu erzittern drohten: „Männer, Brüder, Landsleute. Heute ist der Tag in dem ihr in die Geschichte eingehen werdet, als die Eroberer der heiligen Wüstenstadt Nantra, wo sich einst die Wege der Götter kreuzten und das Schicksal gebaren.“ seinen Worten folgte ein riesiges Getöse der Menge und lauter Jubel stieg empor: „Ihr werdet heute den karthesischen Traum leben, der in uns allen ruht. Denn ihr werdet nach all den Jahren der Opfer und Entbehrungen euren gerechten Lohn bekommen. Er liegt euch zu Füßen hier in Nantra. Nehmt euch alles was ihr kriegen könnt: Frauen, Gold, Essen oder was sonst euer tapferes Herz begehrt. Aber vergesst nie das Wichtigste: Ihr tut dies nicht für euch oder mich, sondern für das große karthesische Imperium, welches durch euch lebt und atmet und ewiglich weiter bestehen wird.“ Die Begeisterung der Männer schien grenzenlos nach dieser kleinen Ansprache und sie waren noch motivierter als zuvor. Es war eine von Damarius Tugenden seinen Männern genau das zu sagen, was sie hören wollten, schließlich war ein motivierter Soldat, um Längen gehorsamer als einer der unbegründet oder aus Zwang in den Kampf aufbrach. „Die Welt gehört uns! Holt sie euch!“ forderte Damarius, sein Arm vor Anspannung zum bersten gespannt und schon rollte die Kriegsmaschinerie vor. Katapulte und anderes Belagerungswerkzeug kamen zum Vorschein.
Endlich war es soweit! Nach Hunderten von Jahren dauernden Eroberungskriegen war das Imperium zu neuer Macht erstarkt, um endlich wieder einen Blick in Richtung Shah zu werfen. Jedoch mussten sie, um dieses Königreich zu erobern, Savan und dessen Hauptstadt Nantra besetzen, um so einen strategischen Vorteil zu erlangen. Denn im Norden warteten diese widerspenstigen und primitiven Barbaren, die sich selbst die Clansmänner nannten. Es würde viel mehr Soldaten und Kriegswerkzeug benötigen um diese „Wilden“ zu züchtigen. Savan war die direkte Verbindung zwischen Karthesien und dem Königreich Shah und lange nicht so widerstandsfähig wie die Nordclans. Eine leichte Beute für eine Hungrige Bestie.
Die erste Angriffswelle brach an, die ersten Reihen bestanden aus Fußsoldaten mit langen Speeren und großen Schilden. Sie waren Diejenigen, die den gegnerischen Pfeilhagel abfingen und den dahinter postierten Langbogenschützen Deckung gaben. Da sie seit Jahren Seite an Seite kämpften beherrschten alle Soldaten die Formationswechsel spielend. Sie wurden oft von ihren Feinden als Vorboten der Hölle bezeichnet, denn was ihnen folgte war mehr als nur eine Armee: Es war der Stolz Karthesiens...